Vier Szenen als Lebensbeispiel – nichteheliche Lebensgemeinschaften

Vier Szenen als Lebensbeispiel – nichteheliche Lebensgemeinschaften

Vier Szenen als Lebensbeispiel – nichteheliche Lebensgemeinschaften
• Volker (26) und Nicole (25) leben seit etwa zwei Jahren unverheiratet zusammen. Er steht vor dem Abschluss seines Ingenieurstudiums; sie ist Erzieherin in einem Kindergarten. Ob sie später einmal heiraten wollen, steht für sie noch nicht fest. Ausschließen wollen sie es jedenfalls nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie sich beide für Kinder entschließen können. Nicole wünscht sich auf jeden Fall Kinder, Volker ist sich seiner Sache noch nicht sicher. In seiner Kindheit hat er einiges mitmachen müssen.

• Sabine (34) und Arno (37) sind schon über neun Jahre ein nichteheliches Paar. Sie ist Chefsekretärin bei einem großen Versorgungsunternehmen; er leitet die Forschungsabteilung in einer Computerfirma. Beide haben sich eindeutig für ihre beruflichen Karrieren und gegen Kinder und Familie entschieden. Warum sollten sie dann heiraten? Wirtschaftlich sind beide unabhängig; alles ist vertraglich genauestens geregelt und abgesichert. Wichtiger als alles andere ist beiden ihre persönliche Unabhängigkeit, was jedoch Treue und Verantwortung füreinander keinesfalls ausschließt.
• Kurt (42) und Anne (40) haben jeweils schon eine Ehe hinter sich. Sie sind beide sozusagen gebrannte Kinder. Über den Sportverein haben sie sich kennen und lieben gelernt. Nach einem Jahr stand ihr Entschluss fest: Wir wagen beide einen Neuanfang, aber nur als Lebensgefährten. Eine Ehe kommt für sie nicht mehr infrage. Da sind sich beide völlig einig (vorerst zumindest)!
• Maria (69) und Karl (73) sind seit längerer Zeit verwitwet. Vor etwa zwei Jahren sind sie sich in der Altentagesstätte ihrer Gemeinde erstmals begegnet. Bei Karl hat es sofort gefunkt, bei Maria sprang der Funke erst einige Monate später über. Nun sind sie vor zwei Wochen zusammengezogen. Maria würde gerne heiraten – nichts wünscht sie sich sehnlicher als den kirchlichen Segen für ihre Beziehung. Aber nach einer standesamtlichen Eheschließung müsste sie auf ihre durchaus stattliche Rente verzichten. Allein mit Karls Altersversorgung kämen sie kaum über die Runden. Man will sich ja wenigstens im Alter noch etwas gönnen.

Vier völlig verschiedene Szenen – sie alle aber beschreiben ein und dasselbe Phänomen: das Leben in einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft. Dennoch sind sie allenfalls von der Idee und der Lebensform vergleichbar, ansonsten unterscheiden sie sich grundlegend in Ausgangssituationen, Hintergründen, Motiven und Intentionen. Nichteheliche Lebensgemeinschaften lassen sich nicht so ohne weiteres über einen Kamm scheren. Geht es den Paaren um eine absolute Eheverweigerung und prinzipielle Ablehnung der Ehe? Oder doch nur um einen zeitlich befristeten Eheaufschub? Oder vielleicht sogar um eine gewisse Vorstufe bzw. einen neuen Zugang zur Ehe?

All diese Überlegungen, Ansichten und Einstellungen lassen sich bei betroffenen Paaren finden – und treffen doch nicht ihre Lebenssituation. Jedes Paar hat seine Gründe – in der Regel ein Motivbündel an lebensgeschichtlichen, paar-spezifischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.

Auch wenn offensichtlich immer mehr Frauen und Männer aller Altersstufen (!) unverheiratet zusammenziehen, so rechtfertigt dieser Trend keineswegs die pauschale Behauptung, die Ehe würde dadurch unterwandert und eheliche Werte wie Treue, Entschiedenheit, Verbindlichkeit oder Verantwortlichkeit gerieten unmittelbar in Gefahr. Die Ehe verliert zweifellos an Eigenwert, aber in Verbindung mit einer ab sehbaren Familiengründung behält sie ein hohes Maß an Plausibilität. Während früher Ehe die Familie begründete, (be-)gründet heute Familie die Ehe!
• Das Zusammenleben ohne Trauschein ist vor allem bei jungen, überwiegend kinderlosen Paaren weit verbreitet. Es gibt nur noch wenige, die erst dann einen gemeinsamen Haushalt gründen, wenn sie heiraten. Die weitaus meisten Paare durchlaufen eine Phase des nichtehelichen Zusammenlebens, die dann entweder mit einer Trennung endet oder in die Ehe mündet. Die Dauer des Zusammenlebens ohne Trauschein steigt.
• In den alten Bundesländern wird die nichteheliche Paarbeziehung größtenteils noch vor Beginn der Elternschaft in die eheliche Form überführt. Selbst jüngere Elternpaare (Frau unter 25 Jahre alt) sind im Westen nur zu 8 Prozent nicht miteinander verheiratet.
• In Ostdeutschland beinhaltet der Prozess der Familiengründung hingegen fast für die Hälfte aller Paare eine Phase der nicht- oder vorehelichen Elternschaft. Mit steigendem Alter sinkt der Anteil Unverheirateter unter den Paaren mit Kindern dann jedoch rasch.
• Die nichteheliche Lebensgemeinschaft ist nicht nur eine typische Lebensform in der Anfangsphase der Paarbildung und Familienentwicklung; sie gewinnt zusehends auch als eine Lebensform nach dem Scheitern einer Ehe an Bedeutung. Besonders in den alten Bundesländern sind unverheiratet zusammenlebende Paare mit Kindern häufig eine nacheheliche Lebensform, genauer: nichteheliche Stieffamilien. Insgesamt sind in Deutschland 40 Prozent der unverheiratet mit einem Partner und Kind(ern) zusammenlebenden Frauen geschieden oder vom Ehemann getrennt.

(Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Bonn 1998)
Obwohl alle Bezeichungen sich von der Ehe her ableiten – ob wilde Ehe, eheähnliche Lebensform, freie Ehe, Ehe ohne Trauschein, Ehe auf Probe oder früher Onkelehe -, ist diese Lebensform in der Regel kein Alternativmodell zur Ehe. Der Begriff nichteheliche Lebensgemeinschaft, der sich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat, ist von daher missverständlich und verleitet zur falschen Annahme, es handle sich dabei um eine Nicht-Ehe oder um einen Ersatz für die Ehe. Unverheiratet Zusammenleben ist – mit wenigen Ausnahmen – kein bewusstes Kontrastprogramm zur Ehe.

Alle Anzeichen deuten vielmehr darauf hin, dass es sich hier eher um eine Alternative auf Zeit handelt, die sich vor allem bei jungen Erwachsenen von ihrer Lebensphase (Post-adoleszenz) und ihrer Lebenssituation (ungewisse Zukunft) begründen lässt. Die nichteheliche Lebensgemeinschaft ist vorwiegend eine Beziehungsform des Übergangs, bisweilen durchaus von längerer Dauer und hoher Intensität. Für die meisten Paare ist das Ende offen: Ihre Partnerschaft kann, muss aber nicht zwangsläufig in die Ehe münden. Die Ehe wiederum kann ganz allgemein im Blick sein, muss aber nicht unbedingt mit diesem Partner bzw. dieser Partnerin eingegangen werden.

Auch hier gilt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Dabei ist zu beachten, dass viele junge Leute ihr Zusammenleben nicht von Beginn an als eine Versuchs- oder Probe-Ehe ansehen. Oft stellt es sich erst in der Rückschau gewisser-maßen als eine Prüfungs- und Vorbereitungszeit auf die Ehe heraus. Feststeht allerdings: Junge Paare zögern den Entschluss zur Heirat immer weiter hinaus. Sie heiraten um viele Jahre später als frühere Generationen.