Solidarität – auch in kritischen Lebenssituationen der Ehe

Solidarität – auch in kritischen Lebenssituationen der Ehe

Solidarität – auch in kritischen Lebenssituationen der Ehe
Solidarität – so gibt das Lexikon Auskunft – bedeutet: Zusammengehörigkeitsgefühl, Kameradschaftsgeist, Übereinstimmung. Solidarisch meint: a) gemeinsam, überein-stimmend; b) füreinander einstehend; c) eng verbunden. Solidarisch miteinander leben heißt also: zueinander stehen; füreinander eintreten; sich miteinander verbünden, um gemeinsame Ziele zu erreichen. In die Sprache junger Leute übersetzt: Ich gehe mit dir durch dick und dünn; ich lass dich nicht hängen; auf mich kannst du zählen; uns bringt so leicht keiner auseinander.

Gemeinsam sind wir stark, so lautet das solidarische Motto – auch und gerade für Paare vor und in der Ehe. Das verspricht Kraft, Zuversicht und Mut. Mit einem anderen Menschen an der Seite lassen sich so manche Probleme und Schwierigkeiten besser bewältigen, zumindest leichter (er-) tragen. Liebe verdoppelt die Tragfähigkeit; die Last verteilt sich auf zwei Schultern.

Die Sprache kommt uns nochmals zur Hilfe: Partnerschaft im ursprünglichen Sinne meint Teilhaberschaft (lat. pars = Teil). Für die partnerschaftliche Beziehung bedeutet das konkret: am Leben des anderen teilnehmen und ihn teilhaben lassen am eigenen Leben. Indem die Partner so einen Solidarpakt schließen, werden sie einander Teil ihres Lebens.

Unsere Gesellschaft setzt dagegen andere Zeichen. Von ihrer Entsolidarisierung ist die Rede. Jeder ist seines Glückes Schmied; Man muss das Beste aus seinem Leben machen; Du hast nur eine Chance – nutze sie; Jedem das Seine – mir das meiste – diese und andere Sprüche beschreiben wohl zutreffend die Lebenseinstellung vieler Menschen. Stets auf den eigenen Vorteil bedacht, leben die einen in ständiger Sorge, zu kurz zu kommen oder benachteiligt zu werden. Die anderen wiederum haben nur ein Ziel: nach oben zu kommen. Wer ihnen bei ihrem Aufstieg in die Quere kommt, wird rücksichtslos beiseite geschoben oder zu Fall gebracht. Der Dreiklang von Leistung, Verdienst und Prestige bestimmt heute weitgehend das Leben der Menschen. Wer etwas leistet, kann sich auch etwas leisten. Wer mehr hat, ist auch mehr.

Die Falschheit des Reichtums besteht darin,
dass wir das, was wir haben,
mit dem verwechseln, was wir sind.
Ernesto Cardenal

Diese Mentalität des Haben-Wollens – und darin besteht die eigentliche Gefahr – scheint unaufhaltsam bis in den intimsten Bereich menschlicher Beziehungen vorzudringen. Selbst in Freund- und Liebschaften, Ehen und Familien wird zunehmend eher verlangt als gegeben, eher gefordert als angeboten, eher etwas vom anderen erwartet als selbst getan. Wo Menschen sich in ihren Beziehungen entsolidarisieren, da drohen sie einander zu gebrauchen, zu verbrauchen und zu missbrauchen. Da stellt sich auf einmal die Kosten-Nutzen-Rechnung: Was bringt mir diese Beziehung? Unterm Strich werden Menschen dann benutzt und ausgenutzt – und wenn sie nichts mehr (ein-)bringen, werden sie fallen gelassen. Auf diese Weise mutieren menschliche Beziehungen zu Ortschaften des Todes, wo Leben verkümmert, unheilbar erkrankt, dahinsiecht und stirbt. Der Einzelne kommt mit dieser Einstellung fürs Erste auf seine Kosten – aber um welchen Preis?

Jedes Leben kennt Hochzeiten und Tiefzeiten. Einem Hoch folgt stets ein Tief, und aus dem Tief entwickelt sich wieder ein Hoch. Das gilt für alle Wetterlagen des Lebens – so auch für Liebe und Freundschaft, Ehe und Familie. Wie Liebende sich einerseits beglücken und bereichern, so können sie sich andererseits auch gegenseitig zur Last fallen. Unseren Vorstellungen von glücklicher Liebe und unseren Erwartungen an eine harmonische Ehe steht die Erfahrung von Unglück und Leid entgegen. Die Ehewirklichkeit sagt Belastungen vielfältiger Art an im Laufe einer langen Ehe. Da gibt es Krankheiten, Unfälle, persönliche Krisen, Geldsorgen, unterschiedliche Wertschätzung der jeweiligen Arbeit, Auseinandersetzung in Erziehungsfragen, Bedrohung durch Beziehungen außerhalb der Ehe. Es gibt gegenseitige Kränkungen und Verletzungen, es gibt persönliche Unzulänglichkeiten, Behinderungen, Grenzen – und nicht zuletzt gibt es die ganz persönliche Schuld. In all diesen Fällen muss sich der Solidarpakt Ehe bewähren – gegen alle Verlockungen einer offensichtlich entsolidarisierten Gesellschaft, die dem Einzelnen das Mit-tragen von Lasten und das Mitleiden am Leid des anderen ersparen will.

Die Schuld gehört zum Leben wie das tägliche Brot, schreibt der Jesuitenpater Alfred Delp, der in Berlin-Plötzensee von den Nazis hingerichtet wurde. Jede(r) von uns wird schuldig, bleibt einem anderen etwas schuldig, trägt Mit-schuld am Misslingen einer Beziehung. Wie oft bleiben wir dem Partner bzw. der Partnerin solidarisches Verhalten schuldig? Nichts kann verletzlicher wirken und einen Menschen tiefer kränken als die Erfahrung von Entsolidarisierung in persönlichen Beziehungen. Je vertrauter Menschen einander werden, umso verwundbarer werden sie füreinander.

Solidarität – auch und gerade in kritischen Lebenssituationen, das könnte heißen: Sich gut aufgehoben zu wissen in seiner Ehe – und das im Doppelsinn des Wortes. Aufgehobensein und Aufgehobenwerden, beides ist gemeint. Jede Ehe kennt Situationen, in denen der eine ganz unten ist, sich wie am Boden zerstört fühlt. Dann braucht er den anderen, der ihn aufhebt und aufrichtet.

Nicht jede Last, nicht alles Leid kann aufgehoben werden. Es gibt Dinge, die müssen wir stehen lassen und aushalten. Einer trage des anderen Last … (Gal 6,2), so heißt die solidarische Aufforderung der Bibel. Wer sich in den schwierigen und belastenden Situationen seiner Ehe auf dieses Wort beruft und es umzusetzen versucht, darf zuversichtlich hoffen, dass Gott ihn trägt mit seiner ganzen Lebenslast.

Das ungebeugte Wort
ist vermutlich
Liebe
denn sie allein
hält den Kopf oben
wenn alles andere
sich beugt
Jo Mitzkewitz