Single zu sein ist eine Entdeckung unserer Zeit – heiraten oder nicht

Single zu sein ist eine Entdeckung unserer Zeit – heiraten oder nicht

Single zu sein ist eine Entdeckung unserer Zeit – heiraten oder nicht
Die Singles sind eine Entdeckung unserer Zeit. Der Trend des bewusst gewollten Alleinlebens setzte ein mit der Kulturrevolution der 68er Generation und dem Wirtschaftswunder der 70er Jahre. Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit, Gleichberechtigung der Geschlechter und freie Liebe hießen die neuen Lebensmuster. Der Wohlstand schuf die notwendigen materiellen Voraussetzungen, denn Single-Dasein kostet seinen Preis.

In den 70er Jahren wird der Begriff Single populär. Als Singles galten jüngere Menschen, die freiwillig und ohne Partner allein lebten. Alter: zwischen 25 und 40 Jahre. Kennzeichen: feste Orientierung an Beruf, Erfolg, Freizeit und Vergnügen (swinging Singles). Heute wird der Begriff Single im statistischen Sprachgebrauch für alle Einpersonenhaushalte verwandt.

Bis in die Anfänge unseres Jahrhunderts waren Einpersonenhaushalte weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich existenzfähig. Nur etwa ein Drittel der Bevölkerung war verheiratet; die große Masse der Ledigen konnte sich keine Ehe leisten. Als unverheiratete Geschwister oder Angehörige blieben sie eingebunden in Hof und Haus, in Konvention und Tradition. Andere wiederum gehörten als Magd, Geselle oder Dienstbote zeitlebens zum ganzen Haus und hatten sich der starren Hausordnung und der bürgerlichen Etikette als Kostgänger ihrer Herrschaften unterzuordnen. Später wohnten zahlreiche ledige Industrie- und Bergarbeiter zur Untermiete, Kost und Logis und manches mehr inbegriffen. Haus und Heim, Familie und Sippe boten Schutz und Halt und galten als Inbegriff bürgerlicher Wohlanständigkeit, wenn auch die Wirklichkeit hinter der Fassade verschiedentlich ganz anders aussah. Die Doppel- Moral ist kein neuzeitlicher Begriff.

Z. um Haus gehören sorgfältig ausgesuchte, wackere Dienstboten. Allgemeiner Respekt gegen die Herrschaft ist der herrschende Ton unter ihnen, und sie gehorchen ihr aufs Wort. Haben sie aber einen begründeten Einwand, wird er mit größter Bescheidenheit vorgetragen, jeder von ihnen tut seine Schuldigkeit, ohne sich erst dazu antreiben zu lassen. Sie sind fromm und sittsam, lassen keinen Fluch, keine Zote, kein Schimpfwort von sich hören, und üben weder Bosheit, noch Mutwillen, noch Leichtsinn aus. Wenn aber hier und da gegen den guten Ton im Haus verstoßen wird, nimmt die Herrschaft Rücksicht auf den Mangel an feinerer Bildung in den untersten Ständen … Das Wackersche Haus hat auch viele Anverwandte, und einige davon leben sogar darin. Diese werden zu den wirklichen Mitgliedern gerechnet und als solche behandelt. Sie schicken sich in diejenigen, welche die Ersten im Hause sind, meinen’s mit den Kindern gut, leisten gern Beistand bei häuslichen Arbeiten, sind aufrichtig teilnehmend, werden in aller Stille Friedensstifter und gewähren durch ihren Umgang gute Unterhaltung.

Christian Friedrich Sintenis, Das größere Hochzeitsratgeber
Alleinlebende fielen in einer solch familienfixierten Gesellschaftsordnung aus der Norm und sprengten damit jede Normalität. Sie hatten allein aus diesem Grund mit wenig Wohlwollen, meist sogar mit Missbilligung zu rechnen. Oft galten sie als verschroben, starrsinnig, eigenbrötlerisch, isoliert, als Außenseiter der Gesellschaft – das krasse Gegenteil des heutigen Bildes vom weltoffenen Single. Dennoch: zu allen Zeiten – damals wie heute – haben Alleinlebende gegen Vorbehalte und Vorurteile zu kämpfen.