Frühere Sichtweisen und Sexualität – heiraten oder nicht

Frühere Sichtweisen und Sexualität – heiraten oder nicht

Frühere Sichtweisen und Sexualität – heiraten oder nicht
‘Wegen ihres verschiedenen Einflusses auf die Erregung der geschlechtlichen Lust werden die Körperteile eingeteilt in ehrbare (Gesicht, Hände, Füße), sog. weniger ehrbare (Brust, Rücken, Arme, Schenkel), sog. unehrbare (Geschlechtsteile und Partien, die ihnen sehr nahe sind) …
Am eigenen Körper, und zwar an unehrbaren Teilen, sind Berührungen aus einem vernünftigen Grunde erlaubt (z.B. Abwaschungen, Heilung einer Krankheit, Vertreiben von Jucken). Ohne hinreichenden Grund sind sie höchstens eine lässliche Sünde, wenn jemand weiß, dass er dadurch nicht geschlechtlich erregt wird. Wer aber längere Zeit ohne Grund sich berührt, der bekommt gewöhnlich geschlechtliche Erregungen, weshalb auch solche Handlungen leicht Todsünden werden können. Kinder aber soll man schon aus erzieherischen Gründen von solchen Berührungen durchaus abhalten.

An anderen sind Berührungen schwere Sünde, wenn ohne Grund unehrbare Teile berührt werden (auch nur über den Kleidern), gleich ob es sich um Personen desselben oder des anderen Geschlechts handelt. Eine lässliche Sünde liegt nur dann vor, wenn diese Berührungen geschehen ohne böse Absicht und nur flüchtig und schnell aus Leichtsinn oder im Scherz. – Berührungen weniger ehrbarer Teile sind gewöhnlich höchstens nur eine lässliche Sünde, wenn es sich um Personen desselben Geschlechts handelt, dagegen gewöhnlich Todsünden, wenn Personen des ändern Geschlechts in Betracht kommen. Eine Ausnahme findet nur statt, wenn es ganz oberflächlich aus Leichtsinn oder zum Scherz geschieht.

Ehrbare Küsse und Umarmungen, wie sie in manchen Gegenden Sitte sind als Zeichen der Höflichkeit, Freundschaft, Verwandtschaft oder einer ehrbaren Liebe, sind erlaubtauch zwischen Personen verschiedenen Geschlechts, immer vorausgesetzt, dass sie nicht aus geschlechtlicher Lust geschehen, und dass man in die etwa entstehende Lust oder Pollution nicht einwilligt. Junge Leute, die sich bei ihren Spielen und Scherzen in ehrbarer Weise und ohne böse Absicht umarmen oder küssen, darf man nicht leicht einer schweren Sünde schuldig erklären. – Küsse, die mit Heftigkeit oder längere Zeit oder wiederholt geschehen, sind leicht eine Todsünde.
Ausgenommen sind selbstverständlich derartige Küsse und Umarmungen zwischen Eltern und Kind. – Küsse an unehrbaren oder weniger ehrbaren Teilen sind Todsünde. Ebenso sind Zungenküsse gewöhnlich eine Todsünde.

Dieser Text stammt aus dem Buch Katholische Moraltheologie des Theologen Herbert Jone, das – man höre und staune – noch 1953 in 15. Auflage im renommierten Verlag Ferdinand Schöningh in Paderborn erschienen ist. Ganze Generationen – Priester und Laien, Frauen und Männer, Erwachsene und Heranwachsende – sind von solchen oder ähnlichen Aussagen zur Sexualität maßgeblich geprägt worden. Die Großeltern und die älteren Jahrgänge der Eltern heutiger Jugendlicher und junger Erwachsener werden sich sicherlich noch daran erinnern können, wie und unter welchen oft peinlichen Umständen sie in Elternhaus, Schule oder Kirche mit ihrer Sexualität konfrontiert worden sind. Die Folgen sind bis auf den heutigen Tag spürbar wirksam. Viele Menschen haben noch immer ein gebrochenes Verhältnis zu ihrer Sexualität.
Sexualität wurde zu jener Zeit eher als etwas Bedrohliches, Verwerfliches, ja Sündhaftes angesehen. Von lässlicher über schwerer bis hin zur Todsünde reichte das Sündenregister des 6. Gebotes. Und mit der Todsünde drohte die Hölle! Man muss um diese Hintergründe wissen, um nach-vollziehen zu können, warum Sexualität von den älteren Generationen so angstbesessen und so leib- und lustfeindlich erfahren wurde und bis heute unter ihnen als das Tabu-Thema schlechthin gilt. So wird verständlich, warum so viele Eltern ihren Kindern gerade in diesem wichtigen Lebensbereich so manche Antwort schuldig bleiben mussten.

Auch die eheliche Sexualität unterlag damals mehr oder weniger streng reglementierten Vorschriften und rigiden Ge- und Verboten. Sie wurde vorrangig, wenn nicht ausschließlich unter dem ehelichen Zweck der Nachkommenschaft betrieben. Demzufolge gehörte es zu den ehelichen Pflichten der Eheleute, Kinder zu zeugen und zu erziehen. Unter dieser Prämisse hatten die Eheleute – vor allem der Mann – mit der Eheschließung das verbriefte Recht und den vertraglichen Anspruch auf den Körper des anderen. Sprache ist aufschlussreich und verräterisch zugleich: Sexualität als eheliche Pflicht, als ehelicher Zweck? Verständlich, dass eheliche Sexualität mehr zur Last fiel und weniger zur Lust verhalf. Wenn jemand sich in die Pflicht genommen fühlt oder allein seinen Pflichten nachzukommen hat, verlieren sich schnell Lust und Leidenschaft. In vielen (älteren) Ehen gibt es bis in unsere Zeit eine große Sexualnot, eine ungestillte Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Leibnähe. Jungen Leuten bleibt das nicht verborgen.

In der Kirche ist viel die Rede von den Versuchungen des
Fleisches, weniger von denen des Stolzes, so gut wie nie von den
Versuchungen der Macht.