Freie Liebe mit Partnerschaftsvertrag – nichteheliche Lebensgemeinschaften

Freie Liebe mit Partnerschaftsvertrag – nichteheliche Lebensgemeinschaften

Freie Liebe mit Partnerschaftsvertrag – nichteheliche Lebensgemeinschaften
Es ist schon paradox: Da hat vor etwa dreißig Jahren mehr oder weniger eine ganze Generation rebelliert gegen die Institutionalisierung und Verrechtlichung ihrer Liebesbeziehungen, gegen alle vertraglichen Vereinbarungen einer standesamtlichen und kirchlichen Eheschließung, gegen das Waschen schmutziger Wäsche vor Gericht bei einer möglichen Scheidung. Unsere Liebe braucht keinen Schein, so lautete damals die Devise. Liebe wurde zur freien Liebe ausgerufen; die Liebesbeziehung zur ausschließlichen Privatangelegenheit erklärt. Weder Staat noch Kirche hätten da reinzureden. Etwas so Persönliches und Intimes wie die Liebe erlaube keine Formalitäten, keine Verträge, schon gar nicht öffentliche Eingriffe oder soziale Kontrollen. Im Gegenteil: Das alles behindere, ja verhindere letztlich den freien Lauf der Liebe. Unverheiratet Zusammenleben wurde damals zur Sache des Vertrauens, nicht des Vertrages erklärt.

Zur ausgesprochen idealistischen Sichtweise dieser Lebensform scheint die heutige Generation aufgrund langjähriger Erfahrungen auf Distanz zu gehen. Immer mehr junge Paare wollen sich nicht allein auf Treu und Glauben verlassen und vereinbaren rechtliche Regelungen, bevor sie zusammenziehen. Es gibt deshalb heute so etwas wie eine Privatversicherung von Beziehungen per Partnerschaftsvertrag. Ein solcher Vertrag regelt bis ins Einzelne alle Schritte nach einer möglichen Trennung: von der Aufteilung des Hausrates und der Möbel sowie der Refinanzierung des gemeinsamen Autos über die Frage des Wohnrechtes bis hin zur Regelung des Unterhaltes und des gemeinsamen Sorgerechtes bei Kindern. Ein solcher Vertragsabschluss geht ganz einfach: Es bedarf nicht einmal eines Anwaltes oder Notars, nur guter Wille auf beiden Seiten sowie Papier und Kugelschreiber. Vertragsvordrucke und Muster für Vollmachten sind überall zu haben. Mit einem Vertrag trennt es sich angeblich leichter.

Der Haken ist nur: Zu Beginn jeder Beziehung steht doch zuallererst das unerschütterliche Vertrauen in die wechsel-seitige Loyalität und Solidarität der Partner. So wenig wir von einem guten Freund einen Schuldschein einfordern, wenn wir ihm kurzfristig aus einer Notlage helfen können, so wenig wollen verliebte Paare ihre Beziehung in rechtliche Formen pressen lassen, um sich gegen alle Eventualitäten des gemeinsamen Lebens abzusichern. In beiden Fällen könnte die Beziehung auch nicht wieder gutzumachenden Schaden erleiden. Man kann so sensible Bereiche wie Freundschaft und Liebe letztlich nicht verrechtlichen, weil sie schlichtweg auf einer Vertrauensbasis gründen. Eine vertragliche Vereinbarung kann sogar (insgeheim) als erstes Anzeichen einer Entsolidarisierung missverstanden werden. Muss eine absichernde Regelung nicht misstrauisch machen gegenüber der Ernsthaftigkeit des gemeinsamen Unternehmens? Und schließlich: Wer denkt denn schon am Anfang einer Beziehung an ihr mögliches Ende?

Freie Liebe mit Partnerschaftsvertrag – in sich ein Widerspruch?! Genauso ambivalent erleben junge Paare ihre Situation, geradezu wie in einer Zwickmühle. Verstand und Vernunft verweisen sie auf die Realität des Scheiterns mit oft schwer wiegenden Folgen bei vertraglosem Zustand; Herz und Gemüt glauben zuversichtlich an das Gelingen aus eigener Kraft ohne jede Absicherung. Was überwiegt zu guter Letzt: die Sehnsucht und Hoffnung auf verlässliches Zusammensein oder der Zweifel und die Sorge vor möglichem Auseinandergehen – beides durchaus berechtigt? So ganz frei und unabhängig machen selbst freie Lebensformen nicht.