Ein erstaunlicher kultureller Bruch – nichteheliche Lebensgemeinschaften

Ein erstaunlicher kultureller Bruch – nichteheliche Lebensgemeinschaften

Ein erstaunlicher kultureller Bruch – nichteheliche Lebensgemeinschaften
Ob alternativ zur Ehe oder vorehelich zusammengelebt wird, das scheint für die junge Generation zunächst nicht von ausschlaggebender Bedeutung zu sein. Von daher stellt sich in seltenen Fällen bewusst die Entscheidung für oder gegen die Ehe. Ganz pragmatisch wird vorgegangen: Erst vorehelich zusammenziehen, dann ehelich zusammenbleiben. Beide Formen des Zusammenlebens werden heute wie selbstverständlich nacheinander praktiziert. Die Auffassung
scheint sich wohl endgültig – nicht allein bei der jungen Generation – durchzusetzen: Wer heiratet, tut gut daran, vorher zusammengelebt zu haben.

Lasst uns fragen:
Was ist das Beste – und nicht:
Was ist üblich?
Seneca

Die nichtehelichen Lebensgemeinschaften sind längst gesellschaftsfähig geworden. Selbst in den Familien verringern sich die Probleme und Konflikte, die noch vor Jahren auf-traten, wenn die eigenen Kinder ohne Trauschein zusammenzogen. Nur noch wenige Eltern lehnen diese Lebensform völlig ab; etliche haben zwar Bedenken, tolerieren aber die Entscheidung; die meisten haben keine Einwände mehr und zunehmend mehr begrüßen sogar ausdrücklich diesen Schritt ihrer Kinder. Auch in der öffentlichen Meinung gibt es deutliche Annäherungen zwischen den Bevölkerungsgruppen und Generationen sowie zwischen den Regionen und Religionen. Die anfängliche Aufgeregtheit und Empörung haben sich gelegt. Kaum jemand wird heute bei der Wohnungssuche noch nach seinem Familienstand gefragt. Nur in Ausnahmesituationen haben betroffene Frauen und Männer unmittelbare Nachteile in ihrer konkreten Berufs-, Freizeit- und Lebensgestaltung.

Dieser kultureller Traditionsbruch hat sich in erstaunlich kurzer Zeit vollzogen. Was in den 60er Jahren noch als Konkubinat verpönt und als Kuppelei sogar strafbar war, das wird heute weitgehend toleriert, wenn nicht sogar gutgeheißen. Die entscheidende Wende setzte Anfang der 70er Jahre ein. Mit der Abschaffung des sog. Kuppeleiparagraphen im Jahre 1974 fiel eine erste juristische Schranke. Bis dahin machten sich Hauseigentümer strafbar, wenn sie eine Wohnung an ein unverheiratetes Paar vermieteten.

1954 gab es das berühmte Urteil des Bundesgerichtshofes zum Verlobten beischlaf. Eine Mutter lebte mit ihrer erwachsenen Tochter in einer Wohnung. Die Tochter war schwanger von einem Verlobten, einem Mann, der sich hatte scheiden lassen, um sie heiraten zu können. Nach der Scheidung erlaubte die Mutter, dass er bei ihrer Tochterübernachtete, und machte sich damit strafbar. Schwere Kuppelei, sagte der Bundesgerichtshof, Zuchthaus bis zu fünf fahren oder Gefängnis bei mildernden Umständen. Es ist noch gar nicht so lange her.

Als Mann und Frau durfte man nur Zusammenleben, wenn man verheiratet war. Alles andere war Unrecht, in der Sprache der Juristen sittenwidrig. Folgerichtig war es z.B. unmöglich, seinen Lebensgefährten bzw. seine Lebensgefährtin als Erben einzusetzen. Ein solches Testament war unwirksam. Erst Anfang der 70er Jahre hat die Rechtsprechung anerkannt, dass es noch andere Gründe geben könnte, jemanden als Erben einzusetzen: u.a. wenn man jahrelang mit einem Menschen zusammengelebt hatte, und das schlicht und einfach aus Zuneigung und Liebe. In der Sozialgesetzgebung erfolgte Jahre später erstmals eine offizielle Gleichstellung mit der Ehe: Männer und Frauen, die ohne Trauschein Zusammenleben, dürfen bei der Sozialhilfe nicht besser gestellt werden als Eheleute, bei denen das Einkommen des anderen mitzählt. Hier wurde zugunsten des Finanzamtes und zu Lasten der nicht verheirateten Paare geurteilt. Heute wird – nicht nur unter Juristen – heftig gestritten, ob die Gleichstellung nur im Negativen (Kürzung oder Streichung der Sozialhilfe) und nicht auch im Positiven (Steuervorteil) erfolgen soll, ja muss. Mit dem Inkrafttreten des neuen Kindschaftsrechtes (1998) ist ein weiterer Schritt in diese Richtung getan worden. Die rechtlichen Unterschiede zwischen ehelichen und nichtehelichen Kindern wurden beseitigt. Auch unverheiratete Paare können nun das gemeinsame Sorgerecht beantragen. Weitere Initiativen sind vom Gesetzgeber in Planung. Eine völlige Gleichsetzung mit der Ehe verbietet letztlich das Grundgesetz, das Ehe und Familie unter den besonderen Schutz des Staates stellt.

Was einst als wilde Ehe bezeichnet wurde, heißt heute ganz offiziell eheähnliche Lebensgemeinschaft, ist gesetzlich geregelt und vom Bundesverfassungsgericht wie folgt definiert: Gemeint ist also eine Lebensgemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau, die auf Dauer angelegt ist, daneben keine weitere Lebensgemeinschaft gleicher Art zulässt und sich durch innere Bindung auszeichnet, die ein gegenseitiges Einstehen der Partner füreinander begründet, also über die Beziehungen in einer reinen Haushalts- und Wirtschaftsgemeinschaft hinausgeht. Nichteheliche Lebensgemeinschaften und noch mehr lesen Sie in unseren Artikel im Blog