Die radikale Wende Reglementierungen und angedrohten Sanktionen

Die radikale Wende Reglementierungen und angedrohten Sanktionen

Die radikale Wende Reglementierungen und angedrohten Sanktionen
Die Generation der 68er revoltierte gegen die Gebots- und Verzichtsmoral ihrer Eltern. Sie widersetzte sich zugleich den Reglementierungen und angedrohten Sanktionen gesellschaftlicher und kirchlicher Institutionen. War bis dahin die Sexualität – vor allem in der Zeit der Pubertät – vorwiegend mit Angst, Scham und Schuldgefühlen besetzt gewesen, sollte sie nun – in krassem Gegensatz dazu – in freier Liebe, als Genuss ohne Reue, ohne jede Einflussnahme des Establishments vollzogen werden. Aus damaliger Sicht trug der einsetzende Liberalisierungsprozess in der Tat revolutionäre Züge – jedenfalls wurde allerorten von der sexuellen Revolution gesprochen und geschrieben. Doch der in den 70er Jahren vielfach prognostizierte Untergang der Gesellschaft blieb aus. Weder sind die moralischen Fundamente einer Liebesbeziehung wie Treue oder Verantwortung weggespült worden noch ist die neu gewonnene Freiheit in sexuelle Freizügigkeit oder gar Hemmungslosigkeit ausgeartet. Im Gegenteil: Zum Leidwesen mancher 68er Revolutionäre aus der Elterngeneration hat die heutige junge Generation mit freier Liebe wenig im Sinn.

Wohl greift die alte Sexualmoral, die bestimmte Formen der Sexualität schlichtweg verbot, nicht mehr, aber an ihre Stelle hat sich kein wert- oder normfreier Raum aufgetan. Jugendliche knüpfen ihre Sexualität auffallend stark an eine personale Bindung. Es gibt eine ausgeprägt soziale Motivation, die Sexualität einbindet in das Geflecht von Zuneigung, Sympathie, Liebe, Vertrauen, Verlässlichkeit. Sex ohne Liebe ist out. Wirklich befriedigende Sexualität glauben immer mehr junge Leute nur in liebevollen, personalen Beziehungen zu finden. Von enthemmter Promiskuität kann entgegen anders lautenden Gerüchten und Kolportagen in einschlägigen Publikationen kaum die Rede sein. Die traditionelle Moral wird durch eine Verhandlungsmoral der Partner ersetzt, meint der Vorsitzender der Gesellschaft für Sexualforschung, Prof. Günter Schmidt. Es wird nicht mehr bewertet, was man macht, sondern wie es zustande kommt.

Angesichts der heutigen Freiheit bei der persönlichen Lebensgestaltung ist die Gefahr der Beliebigkeit zwar nicht gänzlich auszuschließen. Alle einschlägigen Untersuchungen zeigen jedoch, dass die meisten jungen Leute ein gutes Gespür dafür entwickeln, wann sie sich wem voll und ganz anvertrauen können. Sie wissen sehr wohl, dass bestimmte Grundsätze, Werte und Haltungen ganz entscheidend zum Gelingen menschlicher Liebes- und Sexualbeziehungen bei-tragen.

Qualität geht vor Quantität
Die Emotionen sind die einzige Basis der Beziehung – und da ist die Sexualität sehr wichtig. Ich glaube aber, dass ihre Bedeutung schon wieder schwindet und dass Intimität an die Stelle des Sex tritt. Denn Leidenschaft ist flüchtig, problematisch, unzuverlässig…

Diese Entwicklung hat ihre Ursachen darin; dass sich die traditionelle Vorstellung von Sexualität immer mehr verflüchtigt. Noch vor 20 Jahren hatten die meisten das Dampfkesselmodell von Sexualität im Kopf: einen Trieb, der sich auslädt und periodisch befriedigt werden muss, schnell und schmucklos. Dampfablassen, wenn der Druck zu stark wird; vor allem die männliche Sexualität wurde so gesehen.

Man trieb es sozusagen der inneren Ruhe und der Gesundheit wegen. Heute aber ist Sex beinahe so etwas wie ein Kunstwerk – und das stellt man nicht mal so nebenbei dreimal die Woche her. Man muss in der richtigen Stimmung sein; beide müssen es wollen; man muss einfallsreiche Praktiken entwickeln; es kommt nicht nur auf denn Orgasmus an, sondern es muss ein vielseitiges, schönes, empfindsames, intensives Erlebnis sein – ein Produkt aus der Werkstatt für angewandte Phantasie.

Jugendliche und junge Erwachsene gehören zu jenen Gruppen, bei denen gesellschaftliche Veränderungen im Bereich der Sexualität besonders schnell und auffallend in Erscheinung treten. Der Liberalisierungsprozess der späten 60er Jahre hat in relativ kurzer Zeit zu einer beträchtlichen zeitlichen Vorverlegung aller sexuellen Aktivitäten geführt. Vergleichsstudien zwischen der damaligen und der heutigen Zeit weisen allerdings nur noch geringfügige Verschiebungen auf.

Innerhalb der letzten 30 Jahre ist es mehr oder weniger zu einer Beruhigung im Sexualverhalten junger Leute gekommen. Ganz eindeutig ist die Tendenz einer Ablehnung von Sexualität ohne Liebe und Treue, und das in gleicher Weise bei beiden Geschlechtern. Die Auflösung von Abhängigkeitsverhältnissen und der lockere Umgang mit Autoritäten hat die junge Generation nachweislich nicht in das befürchtete moralische Chaos geführt. Gegenüber der Doppelbödigkeit früherer Zeiten mit ihrem hohen moralischen Anspruch und der tatsächlich oft heimlich gelebten Praxis sind heute ein offener Umgang und ein kritischer Austausch über sexuelle Fragen, Probleme und Praktiken möglich, wenn auch noch nicht überall gegeben.

Dabei geht es weniger um die Vermittlung von Ge- und Verboten oder um die Befolgung bestimmter Vorschriften und Vorgaben. Bei der heutigen jungen Generation muss es vielmehr zu einer kritischen Werteprüfung und einer bewussteren Werteannäherung kommen. Welche Werte stehen an im Bereich von Freundschaft und Partnerschaft, Liebe und Sexualität? Aber auch: welche Wertebedrohung gibt es? Welchen Stellenwert haben Freundschaft und Partnerschaft, Sexualität und Liebe für die jungen Leute, aber auch für deren Eltern, Lehrer und Seelsorger?

Werte werden
heute bevorzugt personal vermittelt. Die Akzeptanz von Werten wird an bestimmten glaubwürdigen Menschen fest-gemacht! Glaubwürdigkeit und Vertrauen sind die Grundlage für das notwendige Gespräch unter den jungen Paaren selbst wie zwischen den Generationen.

Ein aufschlussreicher Vergleich
1 912 wie 1968 hatten fast alle Studenten vor der Ehe Geschlechtsverkehr. Doch während die Studenten der Kaiserzeit ihre Beziehungen fast ausschließlich mit Prostituierten, Dienstmädchen und Kellnerinnen hatten, also mit Partnerinnen aus anderen Sozialschichten, die als Ehefrau nicht in Frage kamen, hatte die überwiegende Mehrheit der (von Giese und Schmidt 1968) befragten Studenten mit der späteren Ehefrau oder einer festen Freundin der gleichen sozialen Schicht voreheliche Beziehungen. Die Studenten zu Anfang dieses Jahrhunderts mieden, die Studenten der 60er Jahre suchten voreheliche Sexualpartnerinnen, die als Ehefrau in Frage kamen. Heiratschance oder Liebe wurden für viele geradezu eine Voraussetzung für den vorehelichen Koitus. Zwischen 1912 und 1968 hatte sich das voreheliche Verhalten der Studenten quantitativ praktisch nicht, qualitativ aber ganz erheblich verändert. Im gleichen Zeitraum nahmen die vorehelichen Beziehungen bürgerlicher Frauen mit Liebespartnern quantitativ drastisch zu: 1912 verhielten sich die Frauen späterer Akademiker vorehelich fast alle abstinent, 1968 hatten fast alle verheirateten Studentinnen voreheliche Beziehungen gehabt.